SEHNSUCHT ODER NEW ROMANTIK

 

SEHNSUCHT ODER NEW ROMANTIK

Will man über das Werk von Tina Winkhaus sprechen, findet man sich zweifellos immer in einem übermäßig intellektuellen und sehr theoretischen Diskurs wieder. Teilweise mag das daran liegen, dass in ihrer Arbeit der tiefe Wunsch verwurzelt ist zu beschämen, zu konfrontieren oder einfach unzeitgemäß zu wirken...

Eine wohlhabende Herkunft, eine eher unbedeutende Ausbildung an der Staatl. Bayerischen Schule für Fotografie und ein paar Jahre in New York als drogenabhängige Fahrrad-Kurierin ließ sie hinter sich. Sie feierte 1997 ihren 30. Geburtstag und musste feststellen, dass so gut wie keiner der zeitgemäßen Künstler oder irgendeine der angesagten Techniken sie wirklich beeindrucken konnten. Denn für den „Perfect Moment“ oder die Schnappschuss-Ästhetik hatte sie noch nie was übrig. Ihre Experimente mit analogen Projektionen, Freistellern, schließlich dem Hyperrealismus waren alle sehr vielversprechend und begnadet, aber sehr kurz. So wie sie später gearbeitet hat (und es bis heute auch tut), arbeitet sonst so gut wie niemand. Sie ist dem hemmenden Einfluss der anderen ferngeblieben und bewegt sich auf Terrain, das ihr gehört und das sie sich selbst erarbeitet hat: oft exzentrisch, manchmal nicht in Worte zu fassen. Die Künstler, mit denen sie überhaupt irgendwas zu tun hat, sind entweder Musiker oder Modemacher oder seit Jahrhunderten tot.

In jedem Abschnitt ihrer kreativen Entwicklung scheint sie zu dem Geschehen draußen in eine Art stillschweigende Opposition zu gehen, legt aber keine besondere Betonung darauf. In Tinas Themen finden sich oft eine Art Unwissen, Ambiguität und sogar Perversität. Sie leben von der allumfassenden Tendenz zu einer überwörtlichen Interpretation und dem persönlichen Standpunkt, den die Künstlerin daraus ableitet. Die bislang neueste Serie „New Romantic“ ruft einem deshalb die berühmten Worte Carl Einsteins über Otto Dix ins Gedächtnis: „Vielleicht ist man im Herzen malender Reaktionär am linken Motiv“. Tina betont immer die Bedeutsamkeit des ersten Eindrucks – das scheint für eine „moderne Fotografin“ merkwürdig, ganz besonders für eine, die derart langwierige und aufwändige Techniken verwendet wie sie. Irgendjemand hat mal gesungen, dass das Leben ein schrecklicher Ort ist („Life is a terrible place“) und genau diesen Eindruck vermittelt „New Romantic“: ein beißendes, Instinkt gesteuertes, fast tierisches Gefühl von Verfremdung. Szenen, die man fast riechen kann, die einen aufwühlen, unvergesslich sind... Tina ist eine provokante Künstlerin: sie hält einem gerne das vor Augen, was man nicht sehen will. In dieser Serie interessiert sie sich so sehr für das Hässliche, dass es fast schon einem Glaubensbekenntnis gleichkommt. Oder, wie der oben bereits erwähnte Otto Dix selbst einmal sagte: „Ich bin nicht so sehr darauf aus, ein Vertreter des Hässlichen zu sein. Alles, was ich bisher gesehen habe, ist wunderschön...“ Tina Winkhaus ist es ganz offensichtlich gelungen, ein Urgefühl von Besorgnis, Faszination und Abscheu einzufangen, ein Gefühl von Unverhältnismäßigkeit und Fremdheit sowohl der ganzen Situation, als auch der Charakteristika und Gesten „bedeutender“ Menschen festzuhalten, bevor der routinierte Blick die Szene akzeptabel erscheinen lässt. Dennoch gelingt es ihr, in ihrer Arbeit die Vehemenz des ersten Eindrucks mit der beständigen Gestaltung zu kombinieren, die sie sich angeeignet hat (Komposition, Nachbearbeitung und Zusammenfügen dutzender Ebenen in Photoshop, anspruchsvolle Produktion dutzender, wenn nicht gar hunderter Großbilder, die vorher separat aufgenommen wurden). Der Entstehung ihrer Arbeit liegt immer ein Tauziehen oder ein Widerspruch zugrunde und „New Romantic“ ist so logisch wie eine Fortsetzung nur sein kann: schnelle Reaktionen oder einfach gehaltene, fast karikierte Themen, die in der üppigsten, dauerhaftesten und historisch würdigsten Art dargestellt werden, die man sich nur denken kann. Eine kolossale ironische Diskrepanz zwischen Technik und Inhalt; ein Portrait des 21. Jahrhunderts, festgehalten mit dem Blick des 15. oder 16. Jahrhunderts...

Ihre Zeitgenossen verdienen Geld, klopfen sich auf die Brust, lästern, erklären sich selbst, aber all das tut Tina Winkhaus nicht. Ihre Bilder sind zwar eine übertriebene, keinesfalls aber eine verherrlichende oder zerstörerische Darstellung der Realität. Was sie zu sagen scheinen ist nicht „Das sind die Opfer“, sondern (wie Goya in einer seiner Arbeiten schrieb) „Ich habe es gesehen“ und „So war es“. Und wer sonst würde es wagen, diese Botschaft auf solch prächtige, fast ikonische Weise weiter zu tragen, seit dem unrühmlichen Tod des großartigen und kontroversen Mitstreiters R. W. Fassbinder? Niemand. Wie romantisch.

Text: Eugen Taran, Transaltion: Simone Taran

Undoubtedly when it comes to arguments about Tina Winkhaus, they are always overly intellectual and theoretical. Partly because at the root of her art there is a desire to abash, to confront or be unfashionable…

With her upper-class background, rather unimportant training in Bavarian State School for Photography and a few years in NY-City as a drug-addict and bike-courier, she reached her thirtieth year in1997, and no contemporary style or practice in art was able to impress her. She never gave anything for “The Perfect Moment” or Snapshot Aesthetic. Her experiments with Analogue Projection, Clipping Path and merely Hyperrealism were all gifted and promising, but of short duration. In the way she worked later (and works until now) she was mostly alone, away from the moderating influence of others, on terrain that was of her own, often eccentric, and sometimes incommunicable. The artists with whom she had any relationship were either musicians or fashion designers, or they had been dead for centuries.
At each stage, she seems to be in a sort of tacit opposition to what is going on, but never elaborates on it. There is a kind of un-wisdom, ambiguity and even perversity in many of Tina’s expressive attitudes and subjects. The overwhelming tendency is for an overly literal interpretation of her subjects, to infer her standpoint from them. For that reason the most recent series “New Romantic” somehow brings to memory Carl Einstein’s famous expression regarding Otto Dix: “A reactionary painter of progressive subjects”. Tina has always stressed the importance of first impressions – which seems to be odd for a “modern photographer”, especially one with such long and intensely elaborated processes as employed by her. Life is a terrible place, as someone once sang, and that is the impression one gets from “New Romantic”: a keen, instinctual, almost animal-like sense of alienation, smell-like scenes, disturbing, unforgettable…Tina is one provocative artist: she likes to picture something she knows people wouldn’t like to look at. What interests her in the series is ugliness, which almost appears as her creed. Yet again, as pointed by Otto Dix: “I’m not that obsessed with making representation of ugliness. Everything I’ve seen is beautiful…” Tina Winkhaus has obviously succeeded in capturing one’s initial sense of alarm, fascination and repulsion, a feeling of disproportion and strangeness of the entire situation, as well as features and gestures of “famous” people, before habitual outlook makes them acceptable. However, in her work she manages to combine the vehemence of first impression with a studied and permanent form (compositing, retouching and merging of the dozens of layers in Photoshop, demanding producing of dozens if not hundreds of full-scale pictures, taken separately beforehand). This is the basic tug or contradiction of her work, and “New Romantic” is just as logical as an offset can be: quick reactions or “low”, nearly caricature subjects, executed in the most lavish, durable, and historically dignified way. Colossal ironic discrepancy between technique and content; 21st century portrayed through the eyes of the 15th or 16th…

Her contemporaries earn money, carry cards, sound off, explain themselves, but not Tina Winkhaus. Her pictures are an exaggerated, yet neither glorified, nor embattled reality. What they seem to say is not “These are the victims” but (as Goya wrote on some of his work) “I have seen it” and “This is how it was”. And who else would dare to carry on this message in such magnificent, almost iconic way since inglorious death of her another great and controversial compatriot R.W. Fassbinder? Nobody. How romantic.

Text: Eugen Taran

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